TLZ 29.01.2015 – 13:00 Uhr

Luise Thals Reise zum Grab ihres gefallenen Mannes

Der Weimarer Schriftsteller Ulrich Völkel hat sein schwieriges Familienerbe aufgearbeitet – Eckhaus-Verlag plant spektakuläre Erinnerungsbände

Friedhof bei Mal Rossoschka in der Nähe von Wolgograd: 56000 deutsche Soldaten haben hier ihre letzte Ruhe gefunden. Foto: aus "Das ferne Grab"/Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

Friedhof bei Mal Rossoschka in der Nähe von Wolgograd: 56000 deutsche Soldaten haben hier ihre letzte Ruhe gefunden. Foto: aus “Das ferne Grab”/Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

Weimar. Ulrich Völkel erinnert sich noch an die Bombennächte in seiner alten Heimatstadt Plauen. Er saß mit seinen Brüdern im Luftschutzkeller. “Im Vorraum hing ein Bild von Adolf Hitler. Mutter hat uns stets beschwichtigt mit dem Satz: ,Der Führer passt auf uns auf. Das haben wir geglaubt.” Dann aber wurde das Wohnhaus von einer Brandbombe getroffen und völlig zerstört.

Über 70 Jahre ist das jetzt her, doch der Weimarer Schriftsteller Völkel hat, wann immer er daran denkt, den Betonstaub und den Brandgeruch wieder in der Nase. “So etwas vergisst man nie”, sagt er. Aber da war noch etwas, dessen Bedeutung er als Kind nicht verstand: “Unter den wenigen geretteten Habseligkeiten befanden sich die Briefe meiner Eltern, die Mutter stets in einer kleinen Mappe mit sich trug, wenn wir in den Luftschutzkeller flüchteten. Wir, die Söhne, wussten von den Briefen nichts. Erst etwa 40 Jahre nach dem Krieg hat Mutter sie uns gegeben.”

Ulrich Völkel war erschüttert, als er die Feldpost seines 1942 bei Stalingrad gefallenen Vaters las. Die Mitteilung, dass er bei Rossoschka gefallen sei, kam erst nach einem halben Jahr. Bis dahin schrieb die Mutter ihrem Mann weiter; ihr Tonfall wurde, weil keine Antwort mehr kam, immer verzweifelter – es waren Briefe an einen Toten.

Lange wusste Ulrich Völkel nicht, wie er mit diesem Familienerbe umgehen sollte. Zumal die Mutter nicht darüber sprach. “Ihr Problem war: Sie hat nie am Grab meines Vaters stehen und von ihm Abschied nehmen können”, erklärt er. Dies wollte er nun, als sie mit 99 Jahren gestorben war, für sie nachholen – mit seinem Buch “Das ferne Grab” (Eckhaus-Verlag, Weimar, 140 S., 12.80 Euro).

Der in dem kleinen Weimarer Eckhaus-Verlag erschienene Band enthält die Briefe und eine titelgebende Novelle. Darin erzählt der Schriftsteller Völkel, wie es hätte gewesen sein können, wäre seine Mutter eines Tages tatsächlich an die Wolga gereist. In der Erzählung heißt sie Luise Thal und schließt sich mit 82 Jahren einer Reisegruppe an, die den deutschen Soldatenfriedhof bei Stalingrad, dem heutigen Wolgograd, aufsucht.

Eckhaus-Reihe zur Geschichte
“Das ferne Grab” ist als vierter Band der noch jungen Reihe Eckhaus-Geschichte erschienen, in der auch die Tagebücher des im vergangenen Jahr verstorbenen Wolfgang Held und Stefan Wogawas Bericht “Ein gewisser Herr Ramelow” publiziert wurden. Völkels Veröffentlichung sticht insofern heraus, als darin Fiktion und Dokumentation in einem produktiven Spannungsverhältnis stehen. “Leben wird zu Literatur, und Literatur wird wieder zu Leben”, so beschreibt es der Autor.

In der an Anna Seghers “Die große Reise der Agathe Schweigert” erinnernden Novelle gibt es Rückblenden, in der sich Luise Thal an ihre Hochzeit, die Wirtschaftskrise und die Entbehrungen während und nach dem Krieg erinnert, als sie klaglos ihre drei Kinder großzog. Sie ist eine einfache und kluge Frau, doch nicht klug genug, um die Demagogie der Nationalsozialisten zu durchschauen. Und ihr Mann ist kein Widerstandskämpfer; im Gegenteil, er meldete sich 22-jährig freiwillig an die Front. “Seit den frühen Morgenstunden greifen wir an, um den Bolschewiken den Rest zu geben”, berichtet er in seinem Brief vom 21. Mai 1942. “Und daß es diesmal nach meiner Ansicht nicht zu lange gehen kann, davon bin ich überzeugt, weil deren Kampfmoral und vor allem das Menschenmaterial sehr mies ist.”

Dadurch, dass Völkel die Briefe in den laufenden Erzähltext einfügt, ergeben sich retardierende Momente – mehr noch, es wird deutlich, auf was für eine “unerhörte Begebenheit” die Novelle zusteuert: “Ein riesiger Friedhof, auf dem die Gebeine von mehr als 50″000 gefallenen feindlichen Soldaten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben – mussten das die Russen nicht doch als eine nachträgliche Verhöhnung ihrer eigenen, Millionen zählenden Toten jenes Krieges empfinden?” Die in Wolgograd angekommene Luise Thal fragt sich das besorgt, denn sie empfindet große Scham. “Wo waren eigentlich die Soldatenfriedhöfe der Roten Armee? Der Reiseleiter hatte auf der Fahrt in die Stadt erzählt, dass erst mit dem Geld, das aus Deutschland geflossen ist und gewissermaßen zur Besänftigung vieler protestierender Russen, gegenüber dem deutschen Friedhof ein zweiter errichtet worden war, deutlich bescheidener ausfallend, für die Gefallenen des Großen Vaterländischen Krieges.”

Ist der Autor hingefahren? Hat er vielleicht die Reise stellvertretend für seine Mutter angetreten? – “Nein”, sagt Völkel. “Die Reise fand nur in meinem Kopf statt.” Aber er kennt das Land und die Mentalität der Russen. Mitte der 70er Jahre hat er an der Erdgastrasse in der ­Ukraine gearbeitet. Lange hat er die Idee zu dieser Geschichte mit sich herumgetragen und noch eine russische Figur erfunden. Lebendig wird der Charakter einer um ihr Lebensglück gebrachten deutschen Mutter, die am Ende die zur Versöhnung ausgestreckte Hand einer russischen Leidensgefährtin drückt.

Ulrich Völkel ist nicht nur Autor, sondern auch Lektor und Verleger. Im Rhino-Verlag, dessen Leiter er viele Jahre war, sind allein 18 TLZ-Villenbücher erschienen. Als Cheflektor des von Jana Rogge geleiteten Eckhaus-Verlags Weimar ist er maßgeblich an der Herausgabe von zwei spektakulären Bänden beteiligt: Zur Leipziger Buchmesse erscheinen unter dem Titel “Amsterdam, 11. Mai 1944. Das Ende meiner Kindheit” die Erinnerungen von Eva Schloss, der “postumen Stiefschwester” von Anne Frank. Die beiden Mädchen wohnten in Amsterdam in der Merwedeplein gegenüber und waren befreundet. Den Holocaust haben Eva Schloss (ehemals Geiringer) und ihre Mutter, Eva Geiringer, sowie Otto Frank überlebt. Die beiden haben 1953 geheiratet.

Eva Schloss bei Markus Lanz
Der andere Band, “Ausgerechnet bei diesem Wetter”, stammt von Jan Rosenbaum, der der ersten Generation nach dem Holocaust angehört. Auch seine Familie lebte in der Merwedeplein. Rosenbaum wurde wenige Tage nach dem Krieg geboren. Eva kannte ihn als Säugling, bevor sie nach London ging. Jan hat sie nach 58 Jahren durch einen Zufall gefunden. Er hat ihr Buch “The Promise” aus dem Englischen übersetzt. Beide Neuerscheinungen werden am 13. März auf der ARD-Bühne der Leipziger Messe vorgestellt. TV-Moderator Markus Lanz will Eva Schloss in seine Sendung einladen – die Auschwitz-Überlebende war bereits im Oktober bei ihm zu Gast.

Frank Quilitzsch