TA – 11.03.2015

Thüringer Allgemeine – 11.03.2015 – 14:44 Uhr

Buchmesse-Sensation aus Weimar: Anne Franks Freundin

Jana Rogge vom Weimarer Eckhaus Verlag zeigt ihre Messe-Neuheiten. Foto: Peter Michaelis

Jana Rogge vom Weimarer Eckhaus Verlag zeigt ihre Messe-Neuheiten. Foto: Peter Michaelis

Weimar. „Wir haben wirklich Glück gehabt“, freut sich Jana Rogge und präsentiert stolz zwei Neuerscheinungen, die ab morgen in Leipzig Furore machen. Israel steht im Mittelpunkt der diesjährigen Buchmesse, und die beiden Bücher setzen sich mit dem Holocaust und dem Kriegsende vor 70 Jahren auseinander. Es sind zwei brisante Biografien, die am Freitag im ARD-TV-Forum und im Erich-Zeigner-Haus präsentiert werden. Man kann vom Glück der Tüchtigen sprechen, das ihrem Weimarer Eckhaus-Verlag diese kleine Sensation bescherte.

„Amsterdam, 11. Mai 1944 – Das Ende meiner Kindheit“ heißen die Erinnerungen der Holocaust-Überlebenden Eva Schloss, die als Kind Eva Geiringer hieß und mit Anne Frank befreundet war. Auch Eva wurde an ihrem 15. Geburtstag von der Gestapo verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Dort wurden ihr Vater und ihr Bruder ermordet, während sie die Hölle überlebte. Die Trauer führte nach dem Krieg Evas Mutter und Annes Vater zusammen, und die beiden heirateten.

Der andere Band, „Ausgerechnet bei diesem Wetter – Erinnerungen mit Traurigkeit beladen“, stammt von Jan Rosenbaum. Der Autor wurde nur wenige Tage nach Kriegsende in Amsterdam als Sohn eines jüdischen Vaters geboren, dem das Konzentrationslager erspart geblieben war, weil er mit einer „Arierin“ verheiratet war. Er schreibt über die seelische Deformation seines Vaters, der die erlittene Angst vor der Verfolgung nicht verkraften konnte und auch als Anwalt verfolgter Juden das Grauen nochmals durchlebte.

Wie kommt ein kleiner, noch weithin unbekannter Verlag zu so brisanten Zeitzeugen? Das ist eine lange Geschichte, die hier nur bruchstückhaft wiedergegeben werden kann.

Am Anfang waren die „Stolpersteine“. Der Eckhaus-Verlag griff die Idee des Bildhauers Gunter Demnig auf, der zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus mit Namen versehene Pflastersteine setzt, und schlug vor, die zugehörigen Geschichten zu erzählen. Es meldeten sich 25 deutsche Städte, die mit einem Buch die Ergebnisse ihrer meist ehrenamtlichen Forschungsarbeit der Öffentlichkeit vorstellen wollen. Seitdem sind Jana Rogge und ihre Mitstreiter auf der Suche nach Sponsoren, die jeweils einen Klassensatz dieser Bücher finanzieren. Denn man will in erster Linie junge Leute, also Schüler, erreichen.

Im Rahmen dieses Projektes nun stieß man auf Jan Rosenbaum, der die bislang nur auf Englisch erschienenen Lebenserinnerungen von Eva Schloss für den Weimarer Verlag übersetzte. Und bei seinem Besuch im Herbst 2014 brachte er mehrere Fotoalben und Dokumente mit, die seine und seines Vaters Lebensgeschichte auf erschütternde Weise verdeutlichten.

„Es ist viel veröffentlicht worden über diese Zeit, doch fast immer von Menschen, die die Verfolgung am eigenen Leib erfuhren“, sagt Verlagsleiterin Rogge. „Die Nachkriegsgeneration kommt bisher kaum vor.“

Auf fast wundersame Weise schließt sich so der Kreis: Jan Rosenbaum erinnert sich, wie ihm damals in Amsterdam ein 16-jähriges Mädchen die Hand auf den Kopf legte: die Jugendfreundin der Anne Frank und Auschwitz-Überlebende Eva Geiringer, die später nach London ging und Zivi Schloss heiratete. Rosenbaum hat sie Jahrzehnte später in London wiedergetroffen.

„Die beiden Bücher gehören zusammen“, erklärt Jana Rogge. Leider konnte die 86-jährige Eva Schloss nicht zur Buchmesse nach Leipzig kommen, weil sie gerade in den USA weilt. Markus Lanz habe sie aber bereits in seine Talkshow eingeladen, gemeinsam mit ihrem Übersetzer Jan Rosenbaum, der Zeitpunkt stehe noch nicht fest.

Leipziger Buchpräsentation am Freitag: 14.30 Uhr, ARD-TV-Forum in der Messehalle 3; 18 Uhr, Erich-Zeigner-Haus

f.quilitsch / 11.03.15 / TLZ

2017-01-23T10:27:57+00:0011. März, 2015|Categories: Amsterdam 11. Mai 1944, Rezensionen|0 Comments

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