Neues Deutschland – 22. Januar 2016

//, Amsterdam 11. Mai 1944, Rezensionen/Neues Deutschland – 22. Januar 2016

Eva Schloss blickt zurück auf einen Tag in Amsterdam 1944

Ins Gedächtnis eingebrannt

Einer der beeindruckendsten Sätze, den ich von Eva Schloss gehört habe, lautet: ››Ich wollte an Gott glauben, aber Gott war nicht da.« Am 11. Mai 1944 ist sie, eine geborene Geiringer, an ihrem 15. Geburtstag in Amsterdam von Nazischergen verhaftet und wie ihre Eltern und ihr Bruder Heinz nach Auschwitz deponiert wurden. Ihr ››Verbrechen« bestand darin, dass sie Juden waren. Wenige Wochen später erging es ihrer Freundin Anne Frank ähnlich. Eva und ihre Mutter haben das Grauen überlebt; Anne Frank, ihre Schwester und ihre Mutter nicht, ebenso nicht Evas Vater und ihr Bruder. Das Tagebuch der Anne Frank endet mit ihrer Verhaftung.

Wir wissen nicht, wie es ihr bis zu ihrem viel zu frühen Tod ergangen ist. Eine, die erzählen kann, was die Menschen im Konzentrationslager durchmachen mussten, war Eva, die den Holocaust überlebt hat. Nach ihrer Befreiung durch sowjetische Soldaten wollte sie erzählen, die ungeheure Last loswerden – aber es war niemand da, der ihr zuhören mochte. Alle hatten mit sich selbst zu tun. Niemand wollte erinnert werden, die Opfer nicht und schon gar nicht die Täter. Da vergrub Eva ihre grauenhaften Erinnerungen tief in ihrem Gedächtnis und schwieg, schwieg viele Jahre.
Ihre Mutter und Anne Franks Vater suchten aneinander Halt. Sie heirateten. Damit wurde Eva posthum zu Annes Stiefschwester. Sie mag es aber verständlicherweise nicht, per Anne definiert zu werden. Sie hat ihr eigenes Leben, ihr eigenes Schicksal, ihre eigenen Hoffnungen. Als ihre Mutter mit Otto Frank nach Basel ging, nahm sie in London eine Lehre als Fotografin, später ein Studium der Kunstgeschichte auf. Sie lernte Zvi Schloss kennen und lieben. Gemeinsam gründeten sie eine Familie. Sie bekamen drei Töchter. Aber noch immer schwieg Eva. Sie hatte die Vergangenheit im Safe ihres Gedächtnisses fest verschlossen.
Es war ein Zufall. Während einer Gesprächsrunde, die Ken Livingston, der spätere Bürgermeister von London, leitete, wurde sie aufgefordert, sie möge doch dem Publikum ihre Geschichte erzählen. Gleichsam überrumpelt, fing sie an, zunächst sehr unbeholfen, dann aber immer sicherer und nachdrücklicher zu berichten, wie es ihr und Millionen anderen Opfern der Nazis ergangen war. Endlich, endlich brach es aus ihr heraus. Es war eine Befreiung. Als sei ein eiserner Ring gesprengt worden, der sie vierzig Jahre gefangen hielt. Die Menschen hörten ihr zu, erschüttert, entsetzt, manche auch zweifelnd. Eva Schloss hat die Aufgabe ihres Lebens gefunden. Sie erzählt nicht, um die Vergangenheit zu beschwören, sondern um die Gegenwart und die Zukunft vor einer Wiederholung des Grauens zu bewahren. Eine kluge, humorvolle und einfühlsame Frau. In der ganzen Welt ist sie unterwegs, fliegt nach Kapstadt oder New York, spricht am liebsten vor jungen Menschen, auch und gern in Deutschland. Besucht Talkshows, dreht Filme. Das Erstaunlichste: Ich habe von ihr nie einen Vorwurf gehört dergestalt, dass sie den nachfolgenden Generationen eine Schuld anlastete. Sie will sensibilisieren, nachdenklich stimmen, warnen und zuversichtlich machen.
Kürzlich hörte ich einen Satz des serbischen Schriftstellers und Diplomaten Ivan Ivanji, gleicher Jahrgang wie Eva Schloss und ebenfalls ein Überlebender des KZ: »Es gibt auch ein Leben nach Auschwitz.« Eva Schloss hat die Nazis besiegt, weil sie ihre Angst besiegt hat. Sie wird bald 87 Jahre – und ich weigere mich zu  sagen »alt«.
Ihr Temperament, ihre Fröhlichkeit und ihr Vertrauen in die Kraft der Menschlichkeit lassen sie trotz mancher Falten jung erscheinen. Hat sie Gott wiedergefunden? Ich weiß es nicht. Aber sie hat sich gefunden. Und das ist viel wert.

Eva Schloss: Amsterdam, 11. Mai 1944. Das Ende meiner Kindheit. Eckhaus Verlag, Weimar. 160 S., geb., 19,95 €.

2017-01-23T10:27:56+00:0022. Januar, 2016|Categories: Allgemein, Amsterdam 11. Mai 1944, Rezensionen|0 Comments

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