Ates 67 – 24. Juli 2016

Straβburger Werkstatt – 24. Juli 2016 – http://www.ates67.fr/381663920

Die Lebensgeschichte eines Deutsch-Franzosen

Peter Garcia. Franzosenbalg. Völker sind zum Mischen da.  Eckhaus Verlag. Reihe Geschichte. Weimar. 2016. ISBN 978-3-945294-11-6. 272 Seiten. 14,80 €. E-Mail: post@eckhaus-verlag.de, Tel.036 43.4579380.

Die Lebensgeschichte des Autors ist ein Roman. Nicht jeder hat das Glück, dass sein Dasein Buchniveau hat. Sein Bericht darüber liest sich wie ein Roman. Der Stil ist flüssig und lebensnah, er macht komplexe Sachverhalte verständlich, der Ton ist – die Jahre sind verflossen – distanziert aber manchmal leidenschaftlich und entrüstet, aber immer mitreißend. Es ist spannend, man will wissen, was noch kommt. Kurzum hat er ein Buch verfaßt, das einem nicht aus den Händen geht, bis man schlußendlich weiß, wie die Suche nach dem unbekannten Vater ausging und was daraus wurde, denn Peter Garcia, geb. 1946 ist eines der „Besatzungskinder“, dessen Väter nach der Zeit unter der französischen Fahne im besiegten ehemaligen Deutschen Reich, in seine Heimat entlassen worden war, ohne zu wissen, dass er einen Sohn in Deutschland hinterlassen hatte. Wie der Autor (S. 13) schreibt waren diese Hunderttausende von „Mischlingen“ „Früchte der Liebe, der wirtschaftlichen Not und des Nachkriegsmangels an deutschen Männern, oft aber auch der sexuellen Gewalt“.

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Die Reihenfolge sollte m. E. in den ersten Jahren umgekehrt gewesen sein. Dabei hatte Peter trotzdem das Glück, ein Kind der Liebe zu sein: „Wir haben uns innig geliebt“, gestand ihm seine Mutter, als er 14 Jahre alt war und von seiner Herkunft erfuhr Dieser Punkt ist bei Kriegskindern, wie wir in unzähligen Gesprächen festgestellt haben, entscheidend. Ein Abgrund trennt die Kinder der Gewalt von denjenigen der Liebe, sei die so genannte Liebe auch nur ein kurzer Flirt gewesen. Niemand will aus einer Vergewaltigung hervorgegangen sein, und über die Emotionen hinaus wollen viele der Nachfahre eines Unteroffiziers, ja eines Offiziers, oder zumindest eines anständigen Staatsbürgers in Uniform gewesen. Die Mutter von Peter beschrieb den Vater als einen netten Typ, der gut Trompete spielen konnte, fröhlich und gut aufgelegt war und sein Leben aufs Spiel setzte, als er Nachts zu ihrem Zimmer kletterte. Riskant war das Unternehmen nicht nur, weil das Kraxeln gefährlich war, sondern auch, weil die Generäle Eisenhower auf amerikanischer und Koenig auf französischer Seite die „Verbrüderung“ mit Deutschen (also Kontakte mit deutschen Frauen) nicht allein wegen der Spionage- und Bestechungsgefahr strikt verboten hatten. Auch der Seite der Alliierten herrschten rassistische Vorurteile. Es ist merkwürdig, dass die Besatzungsmächte gegen den Rassismus nicht immun waren, den sie den Deutschen vorwarfen Sie hatten den Spieß umgedreht.

Auf einem einzigen erhaltenen Foto konnte Peter später sehen, dass sein leiblicher Vater gut aussah. Er hatte ein ausgesprochen smartes, südländisches Gesicht, eine auffällige Ähnlichkeit mit ihm und kam aus einer wohlhabenden Familie. Er war ein waschechter Franzose spanischer Abstammung. Peter Rösler hätte eigentlich Peter Garcia nach dem Namen seines Erzeugers heißen sollen, eines französischen Soldaten mit spanischem Namen aus der Stadt Oran in Algerien, die damals zu Frankreich gehörte. Was aber das Nutzen seines Buches erweitert, ist die Tatsache, dass Peter sprachbegabt war, mehrere Sprachen, insbesondere Spanisch und Englisch, später Französisch lernte und sich damit ferne Horizonte hauptsächlich in Lateinamerika erschloss. Der Faden seines Lebens zieht sich durch die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland von der Nazizeit, wovon er viel mit bekam, bis heute. Sie stellt den globalen Rahmen seiner eigenen, für die Zeit kennzeichnenden Erfahrungen dar. Er beschreibt aber stets seine Erlebnisse nicht aus der Perspektive der Professors und Historikers sondern aus der Froschperspektive eines „enfant maudit“, eines „Kindes der Schande“, den seine schwere Kindheit widerstandsfähig gemacht hat und der sich intensiv nach den Hintergründen und Zusammenhängen informierte, um seine eigenen Erfahrungen zu hinterfragen und zu untermauern.

Die Kinder der Gewalt sind nach meinem Dafürhalten in der unmittelbaren Nachkriegszeit im deutschen Südwesten, wo Peter seine ersten Schritte tat, zahlreicher als diejenigen der Liebe gewesen. Wie oft, und eigentlich noch in diesem Jahr 2016 von einem zufälligen Gesprächspartner in Feldberg-Bärental, hörte ich : „Ach, mein Vetter ist Franzose. Na ja, seine Mutter wurde von einem französischen Besatzungssoldaten geschwängert“. Im Gespräch stellt sich dann heraus , dass es ein Fall von Vergewaltigung war. Auf meine Frage, ob ich mit diesem Vetter, oder Freund, oder Onkel, sprechen kann, kommt meist die Antwort : „Nein, er hat es verarbeitet. Er will nicht mehr darüber reden“. Ich bin nicht sicher, dass die Verarbeitung je beendet werden kann. Meist wurden diese Vergewaltigungen, heißt es in Frankreich, wo auch kaum darüber gesprochen wird, von nordafrikanischen Stoßtrupps, von Arabern also, begangen. Echte Franzosen werden das sicher nicht getan haben. Aber Stammfranzosen werden doch auch dabei gewesen sein, denn die Frau als Kriegsbeute, das hat bei allen Völkern Tradition. Heute noch sind die Bayern im Durchschnitt zwei Zentimeter kleiner als die Norddeutschen und haben oft trotz ihrer blauen Augen ein schwarzes, krauses Haar, da Bayern vor fast 2 000 Jahren von der römischen Legio Syriaca besetzt wurde.

Peter Garcia hat spanisch-südländisch ausgesehen und litt als Kind nicht nur wegen seiner Herkunft als „Franzosenbalg“ sondern auch wegen seines (im Grunde guten) exotischen Aussehens. Verstärkend war die Gene seiner Mutter, die als Kind ähnlich wie er aussah und der andere Kinder in der Hitlerzeit mit der Beschimpfung „Judd“ nachliefen. Dabei war ihr keine jüdische Abstammung nachzuweisen. Auf vielen Seiten beweist Garcia sachkundig, das die Deutschen keine „Aryer“ sondern ein Völkergemisch sind. Als beinah Ebenbild seines echten Vaters, wie es sich später herausstellte, wurde er von deutschen Kindern gehänselt und geschlagen, die ihn ebenfalls als Juden beschimpften. So lebendig und festgesetzt war damals noch die NS-Propaganda bei vielen Zeitgenossen trotz der fotografisch und filmisch dokumentierten Information der Alliierten über die Massenverbrechen des Dritten Reiches. Dass ein Schleier des Schweigens und der Schande darüber geworfen worden war, macht das Zeugnis von Herrn Garcia historisch kostbar. Zum Glück haben die 60er und 70er Jahre, insb. mit den Auschwitz-Prozessen und mit der allmählichen Rehabilitierung Stauffenbergs und seiner Freunde für die Bundesrepublik wie eine zweite Aufklärung gewirkt. Aber kaum jemand erinnert sich noch an diese ersten 40er und 50er Jahre, als im Lehrkörper, in der Beamtenschaft, in der Polizei und Armee, Personal aus Hitlers Zeiten das Sagen hatte, zwar zur Republik als Versorgungsinstanz stand, aber stillschweigend einer ganz anderen Weltanschauung noch nachhing. Meine ersten Besuche in Deutschland fanden in den 50er Jahren statt. Ich kann das bestätigen. Ich erlebte andererseits auch das Gegenteil, eine große Sehnsucht nach Europa, nach Freundschaft mit den Franzosen ohne Überheblichkeit. Von alledem berichtet Peter Garcia anhand von persönlichen Erlebnissen als Kind und als junger Erwachsener anschaulich und ausführlich.

Uns interessierten seine Nachforschungen zur demographischen Problematik der „Kriegskinder“. Die Zahlen sind wichtig und beeindruckend. Peter Garcia schätzt auf 400 000 die zwischen 1945 und 1955 zur Welt gekommenen Kinder aller Besatzer (Seite 13) und die Wehrmachtskinder in den vom Dritten Reich vor 1945 besetzten Gebieten auf 2 Millionen insgesamt (S. 14). Sicher sind die „Russenkinder“ dabei zahlreich vertreten, soweit die Mütter im April-Mai 1945 in Berlin und Ostwärts nicht ihr Leben verloren haben oder sich dieses nicht genommen haben.

Uns interessieren auch die „Mischlinge davor“. In unserem Buch „Die Kinder der Schande“ (Piper, 2004) haben wir die Zahl von ca. 200 000 französischen Kindern genannt, die von deutschen Wehrmachtssoldaten mit Französinnen von 1940 bis 1944 in Frankreich gezeugt wurden. Wir haben dort auch ein Paar Fälle von „Besatzungskindern“ nach 1945 herausgearbeitet, die Ähnliches wie Peter Garcia erlebt haben. Aber die Zahl der im Deutschen Reich von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern zwischen 1940 und 1945 gezeugten Kinder wird wohl nie bekannt sein.

Die Wissenslücke betrifft insbesondere die mit deutschen Frauen gezeugten Kinder der französischen Kriegsgefangenen und französischen Zwangsarbeitern (STO), die Thema unseres anderen Buches „Le crime d’aimer“ (Syrtes, 2005) sind. Wir haben sie wegen der großen Zahl von Menschen, die uns in Deutschland darauf angesprochen haben, auf mehrere Zehntausend geschätzt. Trotz der Drohung mit öffentlicher Anprangerung, mit Gefängnis und manchmal mit der Todesstrafe, insb., wenn der „GV“-Täter (GV im Strafrecht damals: Geschlechtsverkehr) Russe oder Pole war, setzten sich viele über das Verbot hinweg, zumal fast 20 Millionen deutsche Männer an die Front abkommandiert worden waren und Ersatz gefragt war.

Das ist nicht Garcias Thema aber die Übertragung des Feindbildes auf die unschuldigen Nachfahren des Feindes ist universal und stellt ein grosses Problem des Umgangs der Menschen untereinander nach Kriegen dar. Das Erstaunliche dabei besteht darin, dass die Kinder der Feinde ebenso wie die Kinder der Verbündeten verachtet und drangsaliert werden, wenn die Feindschaft in Freundschaft mutiert, als ob es eine Weile dauern müsste, bis die Menschen ihre Einstellungen ändern. Viele können sie nie ändern. Es ist auffällig, wie zäh und nachhaltig der NS-Geist in den 50er Jahren in Deutschland war. Aber auf der anderen Rheinseite spukte das Gespenst des Erzfeindes immer noch. Im Jahr des deutsch-französischen Elysée-Vertrages sagte eine alte Tante meiner Mutter, als ich eine Deutsche heiraten wollte: „Was werden sie denn während des nächsten Krieges tun“. Es hat grosse Anstrengungen gekostet, diesen Ungeist auszumerzen, der ab und zu noch auftaucht.

Ab 1947-48, spätestens ab der Berliner Blockade, wurden die ehemaligen Sieger nicht mehr als Besatzer sondern als Verbündete betrachtet. In den 60er Jahren, als ich meine Wehrpflicht bei der französischen Schutzmacht in Berlin absolvierte, hatte sich die Stimmung total gewandelt. Französische Offiziere heirateten Westberlinerinnen und die Militärregierung im französischen Sektor von Berlin beschäftigte Deutsche als Fahrer, Köche und Gärtner, aber auch als Übersetzer, Dolmetscher, sogar Redakteure, die Zugang zu relativ vertraulichen Angelegenheiten hatten.

Der kalte Krieg hatte wie eine kalte Dusche gewirkt. Plötzlich ging es nicht mehr um NS-Rassenselektion und Gleichschaltung sondern um Klassenkampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Diese ideologische Krise der 68er hat Peter Garcia mit allen ihren Entgleisungen und Exzessen hauptsächlich in England durchgemacht, wo ihm ein Guru und Profiteur des generellen Linkstrends in Gestalt des vielseitigen „Ivan“ begegnete. Peter hatte die Kraft und das Glück, den Mann zu durchschauen und darüber zu schmunzeln. Aber es dauerte, bis er sich von diesem Milieu auch in Deutschland in der KP sich davon loslösen konnte. In Essen (zum Glück nicht mit Rudi Dutschke oder Ulrike Meinhof zusammen) wurde ihm die KP allmählich lästig und die DDR zeigte sich ihm unter ihrem wahren, hässlichen Gesicht. Dort machte Kommunismus offensichtlich keinen Spass.

Eine der wichtigsten Stellen des Buches ist der Moment, wo ihm nach einem Buchenwald-Besuch die Frage gestellt wird, wie er sich im Dritten Reich verhalten hätte (S. 137). „Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht“, lautet seine Antwort. Das ist für ihn charakteristisch. Diese „Beichte eines Kindes des Jahrhunderts“ beruht auf Offenheit und Ehrlichkeit. Dass er sich mehrere Male hat verblenden lassen, das gibt er zu. Aber der Realismus hat immer die Oberhand gewonnen. Auch bei seinen überzähligen Verhältnissen mit Frauen aller Farben und Nationalitäten, denn Garcia war (vielleicht wie sein Vater) doch irgendwie ein Abenteurer und Herzensbrecher, war er letztendlich immer Realist und machte Napoléons Spruch wahr, dass in der Liebe die Flucht ein Sieg sein kann, bis er beschloss sesshaft und treu zu werden.

Jean-Paul Picaper, 24. Juli 2016

2017-01-23T10:27:55+00:00 24. Juli, 2016|Kategorien: Allgemein, Franzosenbalg, Rezensionen|0 Kommentare

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