„Morgen holen wir sie, da müssen sie ihr Grab selbst graben“, belauschte der Kaufmann Karl Gröscher am 24. März 1920 Offiziere des Studentenkorps im thüringischen Sättelstädt. Sie, das waren 15 thüringische Arbeiter, die am 25. März 1920 auf der Straße von Mechterstädt nach Gotha schließlich von Mitgliedern des Studentenkorps Marburg ermordet wurden. Den Verhafteten wurde vorgeworfen, sie seien Aufständische gegen die nach dem Kapp-Putsch sukzessiv wiederhergestellte staatliche Ordnung. Nachdem sie in der Nacht zuvor im Spritzenhaus der Gemeinde Sättelstädt gefangen gehalten wurden, sollten die 15 Männer im Morgengrauen von einer Wachmannschaft zum Verhör nach Gotha gebracht werden. Doch dort kamen sie nie an. Auf dem Weg dorthin fielen die Schüsse, nach Darstellung des Wachpersonals gerechtfertigt durch Fluchtversuche der arrestierten Arbeiter.

„Die Aktion lag gewissermaßen in der Luft“, fasst der emeritierte Soziologieprofessor Bruno W. Reimann in seiner neu aufgelegten Studie „Rechts gegen links. Mechterstädt als Symbol“ zusammen, die mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Weimarer Eckhaus Verlag herausgekommen ist. Und weiter erfährt man: „Die Morde in Mechterstädt waren weder Zufall noch waren sie angeordnet, wie die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Sie entsprachen aber der Logik und der politischen Gesamtlage, gingen in diesem Sinne aus der Situation hervor, waren Teil eines unausgesprochenen, aber letztlich beabsichtigten Plans.“

Diese Morde, die in den unruhigen Zeiten kurz nach dem Kapp-Putsch geschahen, führten zu einem großen Bruch zwischen der Arbeiterschaft und der Studentenschaft und brachten die politisch-militärische Auseinandersetzung zwischen links und rechts in Thüringen und speziell um Gotha zum Kochen. Die Lager aus rechter Mehrheitssozialdemokratie, die sich der Reichswehr bediente, und linker Arbeiteropposition standen sich gegenüber und die vor 100 Jahren begangenen Morde sind der traurige Höhe- und Schlusspunkt dieser Konfrontation. „Mechterstädt“ wurde zu einem schrecklichen Symbol dieses politischen Grabens, einem Symbol der Rechten, die kurzen Prozess machten. Ein Exempel.

Die Studie von Bruno W. Reimann steht im Zusammenhang des Ausstellungsprojektes „Das Massaker von Mechterstädt 1920“. In dieser Ausstellung werden auf 28 Tafeln die Mechterstädter Vorgänge in ihrem politischen Kontext so dargestellt, dass ein Überblick über den Gesamtvorgang möglich ist.

Bruno W. Reimanns „Rechts gegen links. Mechterstädt als Symbol“ ist erschienen im Eckhaus Verlag Weimar.

 

Mit freundlicher Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung.